Mehr als eine Gegenwart

4. Juli 2012


„Afrika steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Nur die Richtung steht noch nicht fest!“
(Ute Schaeffer, Afrikas Macher – Afrikas Entwickler)

Afrika: Weder an Nachfrage noch an Angebot herrscht Mangel auf dem Büchermarkt. Wohl aber an guten, unaufgeregten Reportagen zur afrikanischen Gegenwart. Ute Schaeffers neues Buch schafft einige Abhilfe, mit differenzierten Geschichten über viele ungleiche Realitäten zwischen politischer Stagnation und digitalem Aufbruch, über Alltag in Bewegung. Einige davon sind angesichts der Ereignisse in Mali oder Nigeria von ebenso erdrückender wie erhellender Aktualität.

Spätestens seit der einseitigen Unabhängigkeitserklärung Azawads von Mali und der Bedrohung des Weltkulturerbes in Timbuktu sind die Tuareg in vieler  Munde. Vor kurzem noch als wilde Wüstensöhne romantisch verklärt, sind sie jetzt die großen Unbekannten im Sahel, wo der Terror immer weiter um sich greift. Ute Schaeffer beschreibt in einer ihrer Reportagen sehr lebendig, wie die Tuareg, ihres stolzen nomadischen Lebensstils längst beraubt, seit geraumer Zeit in Geiselhaft islamistischer Terroristen genommen werden. Im Norden Nigers oder Malis kämpfen sie seit langem für mehr politische Beteiligung und wirtschaftliche Teilhabe und greifen dabei zunehmend zu Gewalt. Doch die Nutznießer der Destabilisierung in den Sahara-Ländern sind nicht die Tuareg und die anderen Völker der Region, sondern al-Kaida und Co. „Eine einzige große Niederlage“ nennt das einer der „Menschen mit freier Abstammung und noblen Qualitäten“. So nämlich nennen sich die Imajeghen im Niger (Imuhagh in Algerien und Libyen und Imushagh in Mali).

Schaeffers Reportagen aus Niger oder – besonders lesenswert! – dem Norden Nigerias, wo der Konflikt zwischen Christen und Muslimen nicht erst seit gestern eskaliert, zeigen die Hintergründe vieler aktueller Entwicklungen in Afrika auf. Flüchtlingsrouten durch die Sahara oder „Landgrabbing“ in Tansania, Gewalt im Kongo oder boomendes Unternehmertum in Ruanda, Kleptokratie in der Elfenbeinküste oder Demokratie in Sierra Leone, faires oder unfaires Wirtschaften … zahlreiche aktuelle Themen aus afrikanischen Ländern beleuchtet Schaeffer stets anhand der konkreten Lebenssituation von ganz normalen Menschen in den jeweiligen Ländern.

Heraus kommt dabei kein einheitliches Bild mit festen Urteilen oder klaren Befunden „über Afrika“, sondern ein verwirrendes Mosaik aus verschiedenen Facetten afrikanischer Realitäten „on the ground“. Es ist keines jener plakativ afropessimistischen Bücher, aber auch kein angestrengt afrooptimistisches. Vielmehr ein realistisches, ohne Anspruch auf EIN Afrikabild.

„Ungleichzeitiges passiert gleichzeitig: Computerkurse in einem Dorf ohne Strom, Ferndiagnostik in einem Krankenhaus im Busch, Hexerei und Lynchjustiz auf dem Land, Hochglanz-Agrarwirtschaft, ethnische Gewalt in einem politisch stabilen, prosperierenden Umfeld. Wie passt das zusammen?“
(Ute Schaeffer, Afrikas Macher – Afrikas Entwickler)

Ja, wie passt das zusammen? Die Antwort bleibt aus. Und das ist das Gute an Ute Schaeffers Buch!

Dennoch gibt es einen roten Faden in den 15 Reportagen aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft: Es ist die Erkenntnis, dass „Afrikas Macher – Afrikas Entwickler“ nicht in den Präsidentenpalästen zu finden sind und auch nicht in den Büros der Entwicklungsorganisationen und ausländischen NGOs, sondern in den Hütten und Mittelstandshäusern, auf den Straßen und Feldern, in den Schulen und Fabriken, wo die Zivilgesellschaft Verantwortung für sich selbst übernimmt. Im Glücksfall mit Unterstützung der Politik, im Regelfall leider immer noch trotz der Politik. Entstanden ist somit eine Reportagesammlung, die sich nicht nur auf die „big men“ des Kontinents, sondern auf auf die „real women and men“ konzentriert.

Begegnet ist Ute Schaeffer diesen Menschen auf zahlreichen Reisen im Rahmen ihrer Tätigkeit als Leiterin der Programme für Afrika und Nahost der Deutschen Welle. Seit kurzem ist sie deren Chefredakteurin. Am meisten werde sie auf ihrem neuen Posten die Reisen nach Afrika, das „journalistische Aufspüren von Geschichten“ vermissen, sagt sie. Das ist verständlich. Aber zum Glück hat sie ihre bisher aufgespürten Geschichten aufgeschrieben.

Ute Schaeffer,
Afrikas Macher – Afrikas Entwickler: Reportagen zur afrikanischen Gegenwart
248 Seiten
Brandes + Apsel Verlag, 2012
ISBN: 978-3860998915
24,90 €
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