Das Machtspiel mit dem Tod

18. Juli 2012


Irgendwie kommt einem das bekannt vor: Ein afrikanischer Präsident oder Regierungschef erkrankt ernsthaft oder ist vielleicht (!!!) sogar schon tot, die Gerüchte und mit ihnen Unruhen sprießen, aber offiziell gibt es keinerlei Informationen. Diesmal: Meles Zenawi, seit 1995 Ministerpräsident (1992-95 Präsident) von Äthiopien.

Beim jüngsten AU-Gipfel in seiner eigenen Hauptstadt Addis Abeba war der 57jährige Meles Zenawi überraschend nicht dabei, das letzte Mal gesehen hat ihn die Öffentlichkeit beim G20-Gipfel in Mexiko und schon zwitschern unter #Meles die Spekulationen um die Welt. Angeblich sei er schon tot, angeblich nicht, laut AFP liegt er „in ernstem Zustand“ in einem Krankenhaus in Brüssel, laut dortiger äthiopischer Botschaft sei das eine Lüge. Die äthiopische Regierung kündigt eine Pressekonferenz an, sagt sie wieder ab und hüllt sich ansonsten in beredtes Schweigen. Derweil im notorischen Überwachungsstaat Äthiopien religiöse und politische Proteste zunehmen, immer mehr Menschen, darunter der berühmte Blogger für die Freiheit Eskinder Nega, unter zweifelhaften Vorwänden zu jahrelangen Gefängnisstrafen verurteilt werden und sich die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte Navi Pillay größte Sorgen um die Menschenrechte in einem „Klima der Einschüchterung“ macht.

Wirtschaftlich entwickelt sich Äthiopien rasant, demokratisch stagniert es bestenfalls – auf sehr niedrigem Niveau. Gleichzeitig nimmt Äthiopien eine zentrale Rolle in der unruhigen Region am Horn von Afrika ein, wird von vielen westlichen Regierungen – wenngleich mit wachsenden Bauchschmerzen – als einer der wenigen Stabilitätsfaktoren gesehen, als Bollwerk gegen den wachsenden Einfluss radikaler Islamisten in Nord- und Ostafrika und als Schlüsselstaat innerhalb der Afrikanischen Union.

Es ist also nicht nur für Äthiopier alles andere als unerheblich, wer in Addis Abeba regiert. Verwirrung über den Gesundheitsstatus des Machthabers können sich weder Äthiopien noch die Nachbarn noch die westlichen Verbündeten des Landes leisten – und im Zeitalter von Twitter lassen sich Gerüchte ohnehin nicht unter der Decke halten. Trotzdem befördert die Angst vor einem Machtverlust genau diese Verwirrung. Ein Machtspiel, ein Trauerspiel.

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